Freitag, 28. November 2014

Bielfelder Bikesitting?! - Nein danke, liebe Polizei!

Critical Mass kann auf sich selbst aufpassen - oder?


Wer die Critical Mass in Bielefeld seit Sommer diesen Jahres (2014) erlebt hat, wird sich über das Verhalten der Polizei gewundert haben.

Während beim "Corso" des VCD im Juni die Polizeibeamten die Teilnehmer/innen auf Augenhöhe mit Fahrrädern begleitet und mit Ihnen geredet haben, sind bei der Critical Mass seit Juli stets Motorräder und Einsatzwagen mit Blaulicht präsent gewesen: anonym, distanziert, hoheitlich.

Die Polizei, dein Freund und "Bikesitter"


Die Teilnehmer der Critical Mass in Bielefeld werden den Eindruck nicht los, dass sie von der Polizei von vorne bis hinten in Watte gepackt und "gepampert" werden. Was harmlos und nett klingt, bedeutet auch Nachteile, von denen gleich ein paar aufgezählt werden. Man muss sich auch fragen, ob das so beabsichtigt ist und wenn ja warum.

Beobachtungen


Hier zunächst ein paar - nicht ganz ironiefreie - Beobachtungen aus vier Critical Mass-Terminen in diesem Jahr in Bielefeld:

  • Niemand hat sie darum gebeten, aber es sind fast immer Polizeifahrzeuge die das "Korken", d.h. das Absperren von Seitenstraßen vornehmen, an denen der geschlossene Verband der Radfahrer vorbeifährt. Es ist fast, als käme der Martinszug mit Kindern und Laternen daher.
  • Kopfschütteln immer wieder auch, wenn die Beamten mit ihren "schlanken" Mopeds auf einmal Stoff geben und mit Karacho am Pulk der Radfahrer vorbeischießen, als gäbe es einen Mord zu verhindern. Dabei werden Fahrverbote auf Bürgersteigen ebenso missachtet wie Tempolimits in 30er Zonen. - Aber es ist die Polizei, die dürfen das.
  • Auf den mehrspurigen Straßen um das Bielefelder Hufeisen hindern die Blauen zeitweise den nachfolgenden Pkw-Verkehr am Überholen und halten die linke Spur frei. Jemand fragt nach und erhält als Erklärung: 
"Ja, sonst wären die Kfz doch mit 60 km/h an den Radfahrern vorbeigeprescht!" 
Danke, liebe Polizei, aber das ist für Radfahrer der ganz normale Alltag. Oder kommt die Polizeieskorte jetzt auf Bestellung?
  • Nicht alle Teilnehmer der Critical Mass legen höchsten Wert auf Verkehrsvorschriften: Unbeleuchtete Räder, Dirt-Bikes ohne Vorderradbremse und Telefonieren während der Fahrt sieht man da und dort. Doch die Polizisten schauen weg oder erteilen "rechtsfolgenfreie Tipps". - Ich will mich wirklich nicht beschweren, aber woher diese "Großzügigkeit"?

Das fällt auf, und man muss sich fragen

  1. was für ein Verständnis des Radverkehrs in dieser Stadt steht hinter dieser Strategie?
  2. Und was für eine Wirkung geht davon aus?


Was steckt hinter der auffälligen Sorge?


Warum wird auf die Teilnehmer des Critical Mass mit Argusaugen gewacht? Wer soll da eigentlich vor wem geschützt werden? Ein paar plausible Vermutungen:

  • Nimmt die Polizei an, die CM wäre wesentlich eine Provokation und toleriert darum Verkehrsverstöße, um die "kritische Masse" nicht unnötig zu provozieren? - Woher nimmt sie das? Dagegen spricht eigentlich alles, z. B. dass auch Eltern mit Kindern anwesend sind und ebenso viele ältere Radfahrer. Der Ablauf aller CM bislang hat keine Konflikte gezeigt.
  • Oder nimmt die Polizei an, sie müsste die Radfahrer gegen aufgebrachte Verkehrsteilnehmer schützen? Die Kette von Radfahrern, die als Verband bei Rot über alle Kreuzungen fahren (dürfen!) beschert manchem Autofahrer oder Fußgänger Wartezeiten und gelegentlich auch eine Extra-Rotphase. - Die Reaktionen sind 50:50 - die einen haben Verständnis, lachen oder klatschen, die anderen schimpfen empört. - In anderen Städten soll es bei Critical Mass auch schon handgreifliche Übergriffe gegeben haben, die von Radfahrern nicht kampflos hingenommen wurden. Aber das sind Extreme, die in Bielefeld nicht im Entferntesten vorgekommen sind. Also kein Bedarf für Blaulicht und "Hundertschaften"! Zwei Beamte mit dem Fahrrad sind genug!
  • Oder nimmt die Bielefelder Polizei an, dass das Fahren von mehr als 16 Radfahrern im geschlossenen Verband in der Innenstadt per se gefährlich ist, weil zu erwarten ist, dass Radfahrer urplötzlich umfallen oder unberechenbare Ausflüge in den Gegenverkehr unternehmen? Oder weil es immer wieder vorkommt, dass beim Führen eines Kraftfahrzeugs Radfahrer übersiehen werden? - Dagegen spricht alles, was Bielefelder Radfahrer bislang erleben durften. Das Fahren in der CM macht glücklich, aber nicht übermütig. Alles andere - auch die Gefahr, übersehen zu werden ist Alltag. Und gerade das Fahren in der Masse, soll die Radfahrer unübersehbar machen. Daran soll und muss sich der Verkehr in dieser Stadt gewöhnen.

Mit Blaulicht ensteht aber ein ganz falscher Eindruck...


... nämlich:

  • "Radfahrer machen in Bielefeld monatlich eine bunte Demo im Berufsverkehr, um den regulären Verkehr zu provozieren." - Falsch. Es handelt sich vielmehr um eine normale Erscheinung im täglichen Straßenverkehr. Ein höherer Anteil von Fahrradfahrern als gewohnt ändert daran prinzipiell nichts. Niemand hat die Absicht, einen Stau zu bauen. Nur die Anwesenheit von Blaulicht lässt vermuten, dass es sich um eine Demo handelt.
  • "Radfahrer sollen wissen, dass die Polizei sie vor dem gefährlichen Autoverkehr auf angrenzenden Fahrspuren und einmündenden Straßen schützt." - Danke, nein danke! Radfahrer müssen sonst ja auch alleine klar kommen. Die Anwesenheit vieler Radfahrer macht das Fahren sogar sicherer, weil viele gleichzeitig fahrende Radfahrer nicht so schnell übersehen werden können und weil Radfahrer auf einander verstärkt achten und sich ggf. gegenseitig Hilfe leisten.
  • "Gemeinsam fahrende Radfahrer sind ein sicheres Anzeichen für eine geplante Demonstration. Bei der Begegnung ist deeskalierend zu handeln und über kleinere Rechtsverstöße hinwegzusehen." - In dieser Stadt mag es Verschwörungstheorien gegeben haben. Aber ist tatsächlich nicht zu erkennen, dass die Menschen zur CM kommen, weil sie darin die Gelegenheit haben, sicher und gleichberechtigt mit dem motorisierten Verkehr durch die Innenstadt und angrenzenden Ausfallstraßen zu fahren?! Und dass dadurch auch andere Verkehrsteilnehmer erfahren, wie sicher die Begegnung mit vielen Radfahrern im Bielefelder Straßenverkehr ablaufen kann?!

Doch noch herrscht Sprachlosigkeit


Da ist man vor allem erst einmal sprachlos, wenn man auf dem Kesselbrink die Ankündigung der Polizei per Lautsprecher anhört, dass sie die bevorstehende Fahrt im geschlossenen Verband als eine Demonstration ansieht: Eine nicht zulässige und nur geduldete Versammlung! - Schönen Dank auch!

Und dann verlangt der Polizeisprecher im Auto, den oder die Verantwortliche/n zu sprechen. Eine Einladung zum Gespräch sieht anders aus! Und so kommt es regelmäßig zu keinem Gespräch, weil von den anwesenden Radfahrer niemand die Fahrt zuvor geplant hat oder sich in anderer Weise dafür verantwortlich hält.

Dass es so ist, ist im Internet überall zu lesen, es ist das Prinzip der "kritischen Masse". Die Polizei will es aber nicht so sehen, sie ignoriert es bewusst. Anders ist sind die vorstehend geschilderten Ereignisse nicht zu verstehen - oder liebe Polizei?

Liebe Bielefelder Polizei, warum ignoriert ihr das offene Anliegen der CM?


Es könnte auch anders gehen. Denn viele, die zur Critical Mass kommen, würden sich gern mit der Polizei unterhalten. Darüber

  • wie es ist, wenn man mit 60 km/h in der Arndtstraße überholt wird,
  • was man sich fühlt, wenn man schon mehrfach am selben Tag von abbiegenden Kraftfahrzeugführern fast übersehen worden ist,
  • wie man fluchen lernt, wenn in der 30er-Zone hinter einem ständig gehupt wird,
  • wie man sich auffällig kleidet, aber doch noch sozial akzeptabel aussieht und
  • wie man bei allem auch noch rechtzeitig zur Schule, zum Termin etc kommt.


Alles interessante Inhalte, die der Polizei das wahre Un-Sicherheitspotential des Radfahrens in Bielefeld erschließen könnte und zu angemesseneren "Begleitmaßnahmen" bei der CM führen könnte und schließlich dazu führt, dass zahlreiches Radfahren in Bielefeld als Normalfall gesehen wird.

Im Juni hat es ja schon einmal geklappt.

Ein Vorschlag ... 


Lasst die Streifenwagen und Krads in der Garage und das Blaulicht aus und schickt ein paar Beamte mit dem blauen Mountainbike, um sich davon zu überzeugen, dass es nichts Außergewöhnliches ist, wenn viel Radverkehr durch Bielefeld fährt.

Denn es wird schon bald zur Normalität gehören,
  • weil es die vernünftigste Form zur Vermeidung von Feinstaub- und CO2-Ausstoß ist,
  • weil es wirksam ist gegen steigende Betriebskosten für das eigene Auto und auch Bahn und Bus werden nicht günstiger,
  • aber auch weil es hilft, Krankheiten aufgrund von Bewegungsarmut zu vermeiden oder zu heilen,
  • und nicht zuletzt, weil sich ein freundlicheres Verkehrsverhalten entwickelt, wenn man weiß, wie nett es ist, in Bielefeld von A nach B - mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit Mobiel - zu kommen.
Aber es ist noch nicht so!

Darum Critical Mass!


Sonntag, 2. November 2014

Radfahrerin beim Rechtsabbiegen "übersehen" und am Hinterrad touchiert (Ein Leserbrief von Ludger)

Gerade eben habe ich der Neuen Westfälischen einen Leserbrief geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren, in Ihrer letzten Ausgabe 1./2. November 2014 berichten Sie von einem Radunfall, bei dem eine 29-jährige Radfahrerin von einem Rechtsabbieger angefahren worden ist. Sie verwenden dabei die Formulierung:
"Der 35-jährige AUDI-Fahrer aus Löhne hatte die Radfahrerin beim Rechtsabbiegen "übersehen" und am Hinterrad touchiert."
Der Begriff "übersehen" ist bei solchen Unfallverläufen mit Beteiligung von Radfahrern tatsächlich überaus gebräuchlich; er ist verharmlosend und falsch:
Radfahrer kann man nicht "übersehen". Radfahrer sind (alle!) sichtbar, und sie sind "da", meist sogar schon länger als der Rechtsabbieger: der hat sie doch gerade erst überholt!
"Übersehen" heißt also richtigerweise gepennt! - Ergebnis: Gesichtsverletzungen und eine Gehirnerschütterung...

Mein Fahrlehrer hat mich schon vor über 40 Jahren gebremst, wenn ich hinter einem Radfahrer ungeduldig wurde: "Was meinen Sie, wie viel Zeit Sie haben, wenn der erst einmal da liegt..." 

Tatsächlich hatte man den Bericht der Polizeipressestelle auszugsweise abgepinnt; dort war sogar die Rede davon, dass sich die Radfahrerin verletzt hat... (sich selbst!). Als ob wir einen Hang zur Selbstverstümmelung hätten.

Ludger