Sonntag, 26. Oktober 2014

Was hat ein Straßenschild am Industriepark Marl mit Wahlfreiheit und unserem Workshop zu tun?


Dazu ein Blick in den Workshop vom letzten Mittwoch:


Der Ex-Bielefelder Philosoph Peter Bieri (´Nachtzug nach Lissabon´) lädt uns ein, mit Blick auf unser Leben bewusst zu fragen, welchem Weg wir lieber folgen.    (Ein Straßenschild, fotografiert in Marl) 


Wer ´Zur Freiheit´ tendiert, den lädt Bieri zum ´Selbstbestimmte Leben´ ein.
Im Kontrast dazu nennt er den ´Sockel des Unverfügbaren´
und damit auch das zähe Beharrungsvermögen in Alltagsgewohnheiten, 
das sich nach Konrad Lorenz zusammensetzt aus:


Hat dies irgendwas mit Verkehrswende zu tun?
Ein Blick in die autoverstopfte Stapenhorststraße vor der ADFC - Geschäftsstelle während 
des Stadtradelns an einem herrlichen Sommertag spricht dafür:


Ärzte wissen, dass sie die ersten beiden der folgenden drei Faktoren nicht beeinflussen können:


Lediglich über Lebensstil-Faktoren können wir Einfluss nehmen auf die Häufigkeit der ´Nichtübertragbarer Erkrankungen´ (siehe unten). 
(Anmerkung: Der Elektronikmarkt oben rechts fragte seine Kunden in einer Kampagne: ´Lieben Sie Ihre Kilos?´ Man wurde gewogen und bekam für jedes Kilo vom Kaufpreis des Fernsehgeräts einen Euro abgezogen).


Als Arzt & frischgebackener Diabetologe hatte ich mich 2001 vor die Frage
gestellt: Wozu bin ich da? Meine Antwort darauf lautete wie folgt . . .


 . . . oder knapper formuliert (nach Gunther Schmidt):


Das entspricht auch einem zentrales Anliegen der WHO: In der Toronto Charta hat sie die Ziele nicht nur für Arztpraxen mit begrenzter Reichweite formuliert, sondern für ganze Gesellschaften:


Vermutlich müssen sich die meisten Ärzte bei der Behandlung der ´Wohlstandskrankheiten´ eingestehen, dass ihnen das immer schlechter gelingt. 


Praxen & Kliniken sind bei kurzen Kontaktzeiten randvoll (1), die Ansprüche grenzenlos (2; Bsp. Aktuelle Diabetes Leitlinie Typ 2 ist 206 Seiten lang und von vier uneinigen Fachgesellschaften verfasst!) und teurer Lobbyismus hat leichtes Spiel (3; wir geben Unsummen für Medikamente aus. Beispiel eines Diabetesmedikaments, dessen Einnahme dazu führt, dass vermehrt Zucker über die Nieren ausgeschieden wurde. Im Mai 2014 hatte ich mal nachgerechnet: 1 Kg Zucker für 85 cent im Einkauf kostete - mit Tabletten über die Nieren ausgeschieden - rund 50 €).

Es geht doch: Als 51-köpfiges Stadtradelteam ´Mit Ärztlichem Rad´ konnten wir unsere Alltagsaktivität steigern, unsere Gewohnheiten vor die eigene Wahl stellen und mit vielen anderen Akteuren Kontakt aufnehmen. 


Wir fanden bemerkenswerte Überschneidungen in den gemeinsamen Anliegen vieler Akteure und damit eine hervorragende Basis für ein gutes Kooperationsmilieu, dem Kernthema von Prof. Dr. Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungsforschung (siehe MP3-Hörbeitrag vom WDR5)


Klimawandel, Verkehrswende, nachhaltiges Wirtschaften, sanfte Mobilität, Bewegungsförderung im Quartier, Teilhabe aller Milieus und ein langes selbstbestimmtes Leben . . . 


Diese Ziele sind von keinem Akteur allein nur annähernd zu erreichen oder auch nur 
aussichtsreich zu verfolgen. Unser Zutun braucht ein förderliches Milieu!

Messner forschte, unter welchen Bedingungen historisch betrachtet solche KULTUR-LEISTUNGEN gelangen. Im Hinwirken auf ein gemeinsames Ziel konnte er SIEBEN KOOPERATIONS-FAKTOREN herauskristallisieren, auf die sich erfolgreich handelnde Akteure verständigten:


Die gute Nachricht: Von diesen sieben Kooperationsfaktoren sind in Bielefeld schon viele präsent! Wer sie respektiert, kann schwere Paradigmenfehler vermeiden. 
Dazu im Einzelnen:

1. Punkt: Reziprozität 
Das meint Kommunikation in beide (!) Richtungen. Keine Einbahnstraße. Also hinhören 
und fragen, was die Akteure denken. Dazu ein Angebot mit Bezug auf diesen Workshop:


2. Punkt: Kommunikation
Jens Bucksch von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Roland Tillmann, Kinderarzt 
aus Heepen, referierten in der Kommunalen Gesundheitskonferenz, den Ratsfraktionen, . . .

. . . , wir diskutierten mit Krankenkassenvertretern, hier der Stadtradel-Beauftragte Fred Schelp:


Achtung: Kommunikation kann Kernauftrag von Faradies werden, wenn die Akteure hier 
ihre Fäden zusammenlaufen und die sieben Kriterien nach Messner wachsen lassen!

3. Punkt: Vertrauen
 Das wächst z. B. in diesem Workshop und bei anderen gemeinsamen Aktionen


4. Punkt: Reputation der Akteure
Ich frage mich, wie würde der Bielefelder Systemtheoretiker Niklas Luhmann die Komplexität der  Bewegungsförderung in Bielefeld deuten? Finden wir einen Soziologen, der uns Auskunft gibt?


Ein Akteur mit Reputation ist der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Dr. Jens Bucksch, WHO-Beauftrater & Herausgeber des ersten deutschsprachigen Buches eines international florierenden Forschungsgebiets: ´Walkability´, kommunalen Gesundheitsförderung durch aktive Nahmobilität.


5. Punkt: Fairness
Während des Stadtradelns hatte die weltweit agierende Transition Town Bewegung ihren Begründer Rob Hopkins ins Bielefelder Audimax eingeladen. Vorreiter von Fairness im Lokalen & Globalen.


6. Wir - Identität
Ein starkes Dokument entstand im März in intensiver Diskussion unter massgeblicher Arbeit von Roland Tillman (Kinderarzt), Bernd Küffner (VCD), Thorsten Böhm (ADFC), 
Alexander Kowalak (Faradies) und Jens Bucksch (Uni Bielefeld): 
Der Ziele- und Maßnahmenkatalog ´Bielefeld - eine Stadt zum Gehen und Radfahren´. 


 7. Sanktionen
Sie gelten denen, die nicht kooperieren. Dafür findet sich mit dem Peng - Kollektiv auf Youtube ein anschauliches Beispiel. Was als Kommunikationsguerilla in Erscheinung tritt, hat einen sehr ersten Hintergrund: Solche Aktionen diesen der Gewissensbildung & brechen schädlichen Lobbyismus auf.


Auch die Critical Mass und Fahrrad-Korsos haben einen dosierten Sanktionscharakter, denn der
vom Auto eroberte Verkehrsraum wird von den verdrängten Radlern temporär rückerobert.


Partizipation! Teilhabe! 
Diese beiden Begriffe tauchen immer wieder bei gelungenen Projekten auf, die anders verliefen als Stuttgart 21 (und die Linie -5- Diskussion?). Der bekannte Göttinger Neurowissenschaftler Prof. Gerald Hüther fasst dazu die Kriterien von Antonovski auf griffige drei Bedingungen zusammen:


Solch ein erfolgreiches Modell der Partizipation haben wir in Bielefeld: Das Stadtradeln!


Ein Modell der Förderung von Kommunalen Gesundheitsprozessen wurde von Dr. Jens Bucksch in Zusammenarbeit mit dem Landeszentrum für Gesundheitsförderung mit Sitz in Bielefeld erarbeitet.
Viele Bausteine sind in Bielefeld schon zu erkennen.


Patient Mobilitätswende: Mögliche Betätigungsfelder 2015 in Bielefeld:


Prof. Messner räumt ein, dass in der Hälfte der beobachteten Kommunikationsprozesse 
nicht dauerhaft gelingen. Dann ist es ermutigend, an den Ecken des Siebenecks nach den aussichtsreichsten Anknüpfungspunkten für Kooperation Ausschau zu halten.

Systemische Interventionen:
Als Arzt & Diabetologe, befasst mit der wertschätzenden Begleitung von Menschen mit Diabetes . . .



. . . liegen noch große Kraftquellen ungenutzt in den Schützengräben der Konfliktlagen: 

Systemische Perspektiven & präzise Interventionen eröffnen überraschende Blicke auf unsichtbare Lösungen. Reaktanz . . .


. . . herunterdosieren . . .


. . . und umdeuten  . . . 


Gesundheitsorientierte Gesprächsführung . . .


. . . richtet sich auf das das Beziehungsangebot und auf Ressourcen-
orientierung aus und führt aus der Problemtrance heraus . . .




Weiter helfen Gleichnisse, Wunder- und Skalenfragen . . .


. . .und die Betrachtung von Sucht als Einschränkung der Wahlfreiheit 
mit Formulierung, Postulierung und Angebot der Wahlfreiheit . . . 


Es ist durchaus unterhaltsam, aber auch bedauerlich und erschöpfend, 
wenn sich das Täter-Opfer-Retter-Dreieck zum Karussell beschleunigt. 


 Denn: Faradies will sich nicht darin erschöpfen. Faradies ist neugierig . . .


. . . und mit dem Vorderrad schon im Ziel . . .











1 Kommentar:

  1. ein sehr beeindrückender Vortrag letzte Woche mit vielen Denkanstößen. Herzlichen Dank!

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Danke für deinen Beitrag und allzeit gute Fahrt im "Faradies".