Dienstag, 2. September 2014

Split Brain

von Dr. med. Uwe Adam

I love my brain!


Dieser Satz ist unter Radlern sicherlich konsensfähig. Aber mit dem Radeln verbindet sich auch ein Stück Freiheit und Selbstbestimmung, z. B. über den Kopfschutz selbst zu entscheiden.

Ein Thema mit Spaltpotenzial! - Split brain.



I love my brain. Foto: Uwe Adam


Ein persönliches Erlebnis vorweg


Ein Sommerabend 2010, viel zu schön für die Fortbildung. Am Kreuzkrug in Dornberg steht die Sonne tief im Westen und lässt den Asphalt auf der Werther Straße blenden. Mit meinem Kollegen Dr. Kühle bin ich zu früh angekommen, die Anfangszeit wurde kurzfristig um eine Stunde nach hinten verschoben. Gerade wollen noch mal aufbrechen, da knallt es plötzlich ganz bedrohlich hinter uns. Es ist was passiert!


Es kommt mir wie gestern vor: Ein Augenblick Stille, der Schrei der Autofahrerin, die tief eingedrückte Frontscheibe des Autos, ein Radler liegt auf dem Asphalt vor der Verkehrsinsel, bewusstlos.






Sicherung des Unfallorts, Freihalten der Atemwege mit Esmarch-Handgriff, Rettungswagen rufen. Der sportliche Radler erwacht nach wenigen Minuten aus tiefer Bewusstlosigkeit. Er wird ohne Spätfolgen genesen. Er trug einen Helm.


Zeichnung auf Asphalt. Foto: Uwe Adam

Meine persönliche Sturzbilanz


  • 1984 Gotthard-Abfahrt, Ölspur, keine Chance;
  • Jahre später am Col de la Bonnette im Regen auf einer Brücke mit Metallgittern, keine Chance;
  • Jahre später in der Arndtstraße, ein Bulli, Blickkontakt mit dem Fahrer, der fährt an der Stoppstraße los, keine Chance.
Mir geht's gut. Dank Helm!


Uwe Adam mit Helm. Foto: Uwe Adam

Die Einsicht erscheint mir folgerichtig. Warum sollten dann nicht alle Radfahrer einen Helm tragen müssen? Das wäre die logische Schlussfolgerung und eine Forderung der Vernunft. - Doch so einfach, wie es aussieht, ist es nicht!


Von der kontraintuitiven Wirkung der Helmpflicht


Verkehrsmediziner, Unfallforscher, Wirtschaftswissenschaftler, Versicherungsmathematiker und die Vergleiche mit Nachbarländern decken auf:

Sobald der Helm-Segen zur Pflicht wird, ist dieser Nutzen dahin!
Das nennt man kontraintuitiv, denn es widerspricht der eigenen logischen Erwartung.

Nach neueren Erkenntnissen und Veröffentlichungen würde die Einführung einer allgemeinen Helmpflicht die Radler vergrätzen und damit die positiven Effekte des Radelns soweit zurückdrängen, dass der resultierende Schaden den Nutzen sogar deutlich überwiegen würde.




Mich als Arzt und Radler wird das nicht davon abhalten, stets den Helm zu nehmen und allen(!), die mich fragen, dasselbe zu empfehlen!

Doch es zeigt, dass eine Verpflichtung zum Helmtragen nicht Lösung für ein Problem sein kann, welches an anderer Stelle und auf andere Weise behandelt werden muss:


Das Thema Verkehrssicherheit


Wie gesagt widerspricht es meiner Intuition und meiner Erfahrung als Arzt und Radfahrer, aber:

Die einfache Forderung nach einer gesetzlichen Helmpflicht darf die komplexeren und wichtigeren Fragen nach der Verkehrssicherheit nicht in den Hintergrund drängen.

Oder noch drastischer formuliert:

Das Thema Helmpflicht hat mit dem Thema Verkehrssicherheit ungefähr soviel zu tun wie die Milchstraße mit einem Molkereiprodukt.

Kommentare:

  1. Ich kann mich dem Bericht und dem Kommentar von Dr. Adam nur anschließen. Als Krankenschwester in der Notaufnahme eines Krankenhauses habe ich schon viele verunfallte Radfahrer erlebt,manche waren mit, andere ohne Helm unterwegs.Blessuren an Armen und Beinen heilen in der Regel komplikationslos ab, der Kopf allerdings kann ohne Helm Schäden davontragen, die das Tragen eines (anderen) Helms für`s ganze Leben nötig werden lassen.

    Ich bin auch gegen eine Helmpflicht. Soll jeder selbst entscheiden, wie er mit dem Risiko eines Sturzes umgeht.
    Allerdings trage ich selbstverständlich immer einen Helm, weil ich jeden Tag erlebe, dass binnen Sekunden das Leben eine schlimme Wendung nehmen kann. Und ich bin froh, dass auch meine Familienmitglieder ohne Diskussion mit Helm fahren.

    Anja Lüthi

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  2. Schreibt die Zeitung wirklich gleich zweimal:" der Radfahrer hat sich (schwer) verletzt"?

    Dann hat er wohl nicht aufgepasst!

    Mir ist dieser Sprachgebrauch auch erst nach mehrfachem Lesen aufgefallen.

    Ludger Büskens

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Danke für deinen Beitrag und allzeit gute Fahrt im "Faradies".